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Hendriks Amerika Bericht Teil 2 vom 10.10.10


 

Zugegeben, Amerika ist ein paar Tage her. Der Flug, die Tortur, weitaus geringer als auf dem Hinflug. Auf dem Weg in die Neue Welt platze mir der Kopf. Nervosität? Die neue Aufgabe. Bist du in der Lage? Reicht die Kraft, die Lust, um für die Rolle und das Drehbuch zu kämpfen oder wirst du einfach nur arbeiten? Oder läufst du gegen eine Wand aus Ignoranz? Auch gegen deine eigene?
 


Das Buch ist nicht gut genug, um sich dem Verlauf der Geschichte unterordnen zu können. Das Buch hat Schwächen, die mit voller Wucht in die überzuckerte Sahneschicht des Vollkitsches hineinsteuern. Das will ich nicht. John, den Regisseur kenne ich durch die Arbeit in Neuseeland sehr gut. Ich mag ihn als Arbeiter und als Mensch. Wir sprechen eine berufliche Sprache. Wie viel an Kreativität wird möglich sein? Bist du vielleicht ausgelaugt? Kann sein. Oder, schleicht sich manchmal auch ein, checkst du es selbser nicht, worum es geht? Scheiß Fragen, weg damit.

 


Das Bordprogramm zeigt eine miese Kopie eines miesen amerikanischen Blockbusters. Titel und Inhalt habe ich bereits vergessen. Wenn es doch ein paar gewaltige Turbulenzen geben würde, die für Abwechslung und ein bisschen Gaudi sorgten. In der 56. Reihe fast am Ende der Boing 747 hätte man wenigstens Spaß. Nichts davon.

 


Vor Kopfschmerz fast blind in der langen Reihe der Pass –und Visakontrolle. Die spinnen, die Amerikaner. 2 Stunden nach Landung endlich den Flughafen verlassen. Gepäck unterm Arsch und aus Augenschlitzen das Schild mit der Aufschrift. „Welcome Mister Dryn“ Da kann nur ich gemeint sein. Ein Aufbegehren gegen die Verstümmelung meines Namens ist völlig sinnlos und in meinem Zustand definitiv nicht der Bringer. Auf der Rückbank eines überdimensionierten Chevrolets  lasse ich den Kopf hängen. Die 2 ½ stündige Fahrt brachte die erste Erleichterung. Bessere Gedanken schlichen sich ein. Atmen. Ruhig, konzentriert atmen. Den Schmerz mit gutem Mut begegnen.

 




New York. Weit gefehlt. 120 Meilen nördlich im schönen Hudson Valley, an der W9 north. Direkt an der Interstate. Tolle Lage. Hotel? Wo ist das Hotel? Wo ist die Stadt? Wie heißt das Nest nochmal? Poughkeepsie? Meine Fresse, wer in einem solchen Ort wohnt, der sollte doch eigentlich in der Lage sein, auch meinen Namen richtig zu schreiben. Poughkeepsie. Immerhin, großer Empfangsbahnhof. Check In. Zeitplan für die nächsten 3 Stunden. Verplant mit Kostümabsprache, Büro und dann Leseprobe.
 


Willkommensumtrunk gegen 20:30. Verdammt. Es ist gegen 16 Uhr. Gefühlt liege ich im Koma. 22 Uhr in Deutschland. Normal laufe ich da eigentlich zur Hochform auf. Duschen. Kalt. Kalt. Kalt. Besser. Der erste Lichtblick. John. Ja. Die Leseprobe definiert sich immer positiver. Ich komme doch in Fahrt. Rike Schmid. Die Partnerin. Sie beobachtet und ist voll bei der Sache. Ja. Der Verstand erwacht. Die Gedanken arbeiten. Bis auf den Kopf und die notwendigen Innereien da drinnen, ist der Rest meines Körpers noch irgendwo auf dem Frankfurter Flughafen und läuft hilfesuchend kopflos auf dem Laufband in die verkehrte Richtung. Kopf sei dank. Er ist schon da und vertritt den Rest ganz ordentlich.




Der erste Drehtag. Das erste Erwachen in dem unaussprechlichen Ort. Die Klimaanlage hat das Zimmer in eine Gefriertruhe verwandelt. Wie stellt man diesen Zivilisationskiller aus?

 


Es läuft ganz gut an. Kaum einer, der nicht mit einer Rotznase herumläuft. Es sind 28 Grad im Schatten. Die Kollegen vor uns kühlten den Körper mit eisgefüllten Eimern. Schuhe aus. Füße rein. Hauptsache du schwitzt nicht. Das kommt im Film immer ziemlich blöd. Sag mal romantisch: „Hey Sweety, du siehst toll aus. Darf ich dir den Schweiß vom Gesicht lecken?“

 


Der beste Nährboden, um in zwei Tagen mit Pickeln und Schwellungen im Gesicht die Maskenbildnerin vor unlösbare Aufgaben zu stellen. Was stört mich ein Schramme im Gesicht oder der Rasurbrand am Hals. Mich nicht, den Zuschauer schon. Also, achte auf dich. Immer schön trocken und gleichtemperiert bleiben.  Ich brauche 2 Tage dafür.

 


Erster New York Trip. Erfahrungsbericht liegt vor.
Dann die ersten heißen Drehtage.  Der Kopf freut sich über Besucht. Schultern und Waden sind schon da. Der rechte Fuß hat es auch geschafft. Der Hals hat noch einen Zwischenstopp eingelegt. Kommt wohl Morgen. Dann wäre ich ja wieder komplett.

 


Die Partnerin, eine Freude. Aufgeschlossen. Sehr professionell. Richtig gut vorbereitet und flexibel. Ein gutes Arbeiten. Wir bauen gemeinsam an den Szenen. John, Rike und ich. Das hatte ich gehofft. Es ist wieder so weit. Der Amerika Marathon ist gestartet.

 


Die erste Arbeitswoche, die ersten 10 km waren gut, richtig gut und steigerten die Lust auf einen Zwischenspurt. Eine weitere Kollegin. Ein Energiepaket. Eine spielwütige mit klaren Ansagen und witzig und richtig gut. Jetzt wusste ich, das wird ein guter Film. Kitsch und Schmus zum Trotz!


 
Zweiter New York Trip
Das Blatt wendet sich. Ein wirkliches Eintauchen in die Metropole. Die Nase in Clubs gesteckt. Musik. Musik. Musik. Mein persönliches Highlight. Naja, das ist jetzt vielleicht zu intim. Soll ich? Okay. Also, mein persönliches „Memphis“. Ein Musical im Schubert Theatre. 20 Uhr an einem Sonntagabend. 42te Straße. Direkt um die Ecke vom Times Square. Ein Fest. Ein Rausch. Eine einzige Faszination. Bereits in der Pause, auf der Straße bei immer noch 24 Grad, kaufte ich einer Studentin die CD zum Stück ab. 20 Dollar. Mich hatte es also gepackt. Wohl wissend, dass der Rausch ein paar Tage später verflogen sein wird und sich alles relativiert. Trotzdem Ein kleiner Junge, der das jetzt unbedingt will.

Dann der Schlussapplaus. Ich stand, vor allen anderen und länger als alle anderen in meiner Sitzreihe und pfiff und johlte und klatschte, um meiner Begeisterung irgendwie Herr zu werden. Endlich mit dem Besen ausgekehrt, fand ich mich irgendwie vor dem Künstlereingang wieder. Wie ich da hingekommen bin? Keine Ahnung. Fans finden immer einen Weg. Brav, in höflicher Distanz, stand ich weit vor der Absperrung. Und dann kamen sie, die Künstler. Eine Traube von anderen Verzückten quetschte sich an den Holmen der Absperrung Hüften und Innereien kaputt. Schwärmten und ließen sich Andenken, etwas zum „Mit Nach Hause Nehmen“ auf Booklets und T Shirts und Handflächen und sonst wohin schreiben. Die Namen eben. Die Unterschriften der Sänger und Tänzer.


Wie eine Raubkatze wartete ich und schlich um mein Opfer. Als sich die erste Lücke bot verwandelte ich mich in einen Fischadler und stieß auf mein persönliches Opfer herunter. Die beiden Hauptdarsteller. Ich dachte, ich hätte pausenlos gequatscht und meine Dankbarkeit für diesen wundervollen Abend im Überfluss herausgesprudelt.

 

Als ich merkte, dass mich die Frau im roten Kleid einfach nur ansah, den Stift in der Hand und auf irgendetwas wartete. Ich weiß nicht mehr. Ich war wohl eher stumm gewesen und bin einfach nur dagestanden. Hatte ich den Mund offen? Hoffentlich nicht. Meine Hand streckte sich plötzlich nach vorn. Es war die falsche. Ich versuchte es mit der anderen. Ja, Treffer, da war die CD. Ein Lächeln hinter der Absperrung beendete den Kontakt meines Hirns zur Außenwelt vollständig.


Das Lächeln wurde ein Lachen, bis es etwas umständlich zu einem fragenden Gesicht generierte. Ich erkannte meinen Fehler nicht. Aber da mein Körper mittlerweile wieder vollständig zur Verfügung stand und arbeitsfähig war, zerrten meine Hände mit großer Verachtung und Hass auf die dämliche Verpackungsscheißindustrieplastikmisteingeschweißthüllendreck, die Plastikhülle der CD ab. Die linke Hand signalisierte zwischendurch immer, „Kleinen Moment noch, bitte.“

 

Da das Hirn zu keiner verbalen Äußerung fähig war und auch die Augen keinerlei Unterstützung anboten. Die klebten an den anderen Augen mir gegenüber immer noch fest. Denn auch ihr Partner war inzwischen angekommen. Geschafft. Ja, ich hatte die Unterschriften. Ja, ich habe mich bedankt und zu meinem Erstaunen taten die beiden das Gleiche. Sie bedankten sie freundlich und lächelnd bei uns allen für unser Kommen. „Wir machen das für Euch. Und wenn es Euch gefällt, dann haben wir doch etwas richtig gemacht.“


Der Abend war einfach wundervoll. Durch NY schlendern und bei immer noch 24 Grad die verrückten Lichter, die totale Verschwendung, die totale Ignoranz wie einen warmen unwirklichen Regen spüren. Ja, auch das ist Leben. Jede Kritik verschwand aus meinem Hirn. Es war einfach nur faszinierend. NY als Touri, der ein wenig eintaucht in die Stadt, das ist tatsächlich was Besonderes.

 


Weitere Tage und Nächte mit viel Leben und den NY –  Erlebnissen reihten sich aneinander. Auch der gesündere Teil meines Verstandes meldete sich wieder zu Wort und schaute sich fragend und hilfesuchend nach der Alternative um.



Wir zogen noch zwei Mal mit dem gesamten Team um. Auf Long Island, Cormack. Ein Ort zum Durchfahren, aber mit einem gewaltigen Kino auf einem gewaltigen Parkplatz. Die Abende waren gerettet.  Dann am äußersten Zipfel der Insel. 9 Tage Shelter Island.
Die Arbeit wurde intensiver. Wieder die Hoffnung, es wird ein guter Film, auch für den Sonntag Abend. Die große Filmfamilie rückte enger zusammen.



…und doch, die Freude auf zu Hause, suchte sich immer wieder ihren Weg. Deutschland ist schon was Wunderbares. Selbst wenn ich mir einen längeren NY Aufenthalt mit Arbeit und Workshops gut vorstellen kann. Ich liebe mein Deutschland. Meine Heimat.




Der Rückflug….die Tortur, weitaus geringer als auf dem Hinflug. Wieder ganz hinten, endlich ein paar unterhaltsame Turbulenzen. Das Bordprogramm reizte zum Abspringen. Aber es ging nach Hause. Da war fast alles okay.



Arbeit und Familie wartet. Der Wald und und und. Und  doch eine neue Arbeit. Schneller als gedacht.
Das Konzert, leider das letzte Mal, am 23.10. Der Brecht in Nordhausen. Die erste eigene Doku. Hermann Kant in Warschau. Ein Drehbuch für den nächsten Film wartet. Die Überarbeitung, der Feinschliff für das Theaterstück. Alles will getan und vorbereitet sein und und und.





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