Nachricht vom 27.07.11
Der Stuhl auf dem ich sitze ist immer noch schief. Die Himbeeren sind inzwischen rot. Eben Himbeerrot. Die Gastarbeiter aus Polen und Litauen gehen gebückt über die kleinen Felder mit den Erdbeeren. Schaut man in den Farben des Stummfilms, erinnert alles an früher. Ein paar Häuser. Berge. Kopftücher und Hände durchpflügen die Erdbeersträucher. Am Abend steigt Rauch aus den Kaminen. Ein kleines Pferd mit Reiterin schaukelt die Dorfstraße herunter.

Das Internet holt zurück. Oslo. Der Tod. Die Blumen. Gesichter. Die Idiotie bleibt die Gleiche. In welchem Land, an welchem Ort auch immer. Der einzelne bekommt spürbare und endgültige Macht in die Hand. Verliert er die Orientierung, verlieren Menschen ihre Gegenwart und Zukunft. Ihr Leben. Das Einzige, das Einzige, was einzig ist. Und endlich. Ich kenne nicht eins der Opfer, aber ich sehe ihre Gesichter in den Zeitungen. Die Fotos, die meisten lächeln in die Kamera. Jeder hatte etwas vor. Einen Gedanken im Kopf, als das Foto entstand. Der Gedanke, die Fantasie von Leben ausgelöscht. Endlos die Reihe solcher Verbrechen. Endlos ausgelöscht.

Was ist unsere Pflicht? Die Trauer. Ja. Das Bewusstsein für Aufmerksamkeit außerhalb von uns selbst. Vielleicht der christliche oder jüdische Gedanke, wann auch immer man dich tritt, schlägt, missachtet, gib diesen Gedanken, die dich quälen keinen Raum, schlage nicht selbst. Schütze dich, aber tritt nicht weiter. Gestehe dir Fehler zu, den anderen auch. Lass sie nicht zur Gewalt werden. Sei selbst immer wieder der Anfang für Verständnis und den Frieden in Gedanken.

Wir leben nur in Gemeinschaft und verlieren immer mehr die Fähigkeit wahrhaftig zu sprechen. Verlieren uns in Klischee und Behauptung. Setzen Zeichen ohne Inhalte. Müllen uns und andere voll. Kleistern uns zu mit allen Möglichkeiten der Kommunikation, ohne wahrhaft zu reden. Fördern die Fremdsprachen in der eigenen, in der Muttersprache. Fördern Unmut und Aggression. Unmut – nicht verstanden zu werden, Aggression – verstanden werden wollen, koste es, was es wolle! Dialog kann Schweigen sein. Diskussion kann Zuhören sein. Recht haben kann heißen, dem anderen Recht zu geben. Räume öffnen, dem anderen Raum lassen. Und damit sich selbst Räume schaffen. Sich, andere zu verstehen.
