Südafrika Bericht vom 16.02.11

Ankunft Afrika. Kap der guten Hoffnung.
Es ist nicht wirklich lange her, Afrika, Oktober 2009. Kaum 7000km weiter nördlich, aber Afrika. Marokko. Jetzt das „Kap der guten Hoffnung“. Lions Head und Table Mountain. Cape Town. Die Stadt am Kap, am Zipfel, an der imaginären Wasserlinie zwischen Atlantik und Indischem Ozean. Am Ende des Einen Amerika, am Ende des Anderen kein Ende abzusehen. Unvorstellbar.

Aber in dem Pool direkt vor meiner kleinen Terrasse schwimmen Enten, das bringt das Ganze schon wieder runter, Enten aus Plastik. In einem dicken Reifen aus Gummi, aufgeblasen eine noch dickere Frau im Ganzteiler. Sie winkt mit beiden Armen als wolle sie ein Flugzeug am Finden der Parkposition hindern, tätschelt danach die rote Ente und dreht sich glückselig dümmlich grinsend mit ihrer Überlebensinsel um sich selbst. Wer farbig ist trägt Livree und räumt ab. Weiß und dick oder Hip liegt sonnenbadend herum. Man erholt sich von irgendeiner Art von Stress, den man irgendwo anders aufgeladen hat. Man bringt den Stress hier her. Weil es hier zu wenig davon gibt. Eine Art Stress -Müllhalde. Es ist lässig hier. Keine Frage. Europäisch, westlich zivilisiert.
Es ist ein Vorort, der (ein)Urlaubsvorort von Kapstadt. Östlich von der eigentlichen Mothercity gelegen, versteckt hinter dem Lions Head.

Was ich hier mache? Das ist eine Frage, die ich mir selber auch nicht so ganz beantworten kann.
Aber ich bin ja auch erst ein paar Stunden hier.
Gelandet, pünktlich um 10:20 Ortszeit. Gestartet in London Heathrow gestern irgendwann 12 Stunden früher. 20:15 Greenwich MeanTime.
Jetzt hier. Die Spuren der Berlinale im Gesicht und doch erwartungsfroh und auch ein wenig verstört.
Normal.

Es ist kein Urlaub. Es ist Arbeit und doch fühlt es sich weder wie das Eine noch wie das Andere an.
Ich bin ja eben erst ein paar Stunden hier. Was erwarte ich denn?
Die Crew trifft sich heute Abend. Kennenlernen. Mal sehen was geht. Fremd in allem, Ort, Zeit und Gefühl. Was ist das Geheimnis, überall man selbst zu sein? Unverstellt? Offen? Oder verschlossen und ablehnend? Wie soll man auf das Gefühl hören, wenn es sich noch gar nicht melden konnte, irgendwo auf der Strecke zwischen dem Kanal und dem Mittelmeer herumhängt?
Einfach losgehen, das hat noch immer geholfen.

Südafrika-Bericht vom 19.02.11
Die Sonne brennt. Sonnenbrand ist Pflicht.
Pünktlichkeit ist hier etwas auf Zuruf. 13:30 heißt 14:10. Aber 20 Uhr heißt gegen halb elf. Die Regel dafür: addiere die Tageszeit als Minuten zur Erdkrümmung im Quadrat ermittle die Quersumme und multipliziere das mit deinem Gefühl im Moment. Zu der errechneten Zeit bist du immer willkommen oder wartest noch eine viertel Stunde auf die anderen.

Der Job dagegen ist präzise. Innerhalb der Arbeit ist es die Sekunde die zählt.
Erstaunt war ich über die Begegnung mit unserem Bodyguard. Das erste Mal im Leben hatte ich einen Bodyguard. Nicht für mich allein, aber ich war Teil einer Schutzmaßnahme. Komisch? Belustigend? Vielleicht? Nötig? Weiß nicht.

Capetown. Tatsächlich ein Schmelztiegel. Allein wegen der Temperaturen. Die Stadt ein Abbild westlicher Zivilisation mit den Ausläufern des Verbrechens der Kolonisation, Vertreibung, Genozids und der Apartheid.

Man ertappt sich doch immer wieder, dass man anderen nicht die Gefühle zutraut, die man selber hat. Aber jeder Mensch, ob es der Freund, die Freundin, ganz Fremde, anders gebaute, anders farbige Menschen sind, jeder von uns hat Gefühle und nur sein einziges, sein eigenes Leben. Fast ein Jeder hängt daran, lange, bis zum letzten Atemzug – und da wir das nicht wirklich empfinden, dass es anderen genau so geht wie uns, behandeln wir sie im Keinen wie im Großen wie ein Stück, ein Ding, ein Etwas. Ein Mensch steht vor einer Tür. Ein anderer packt ihn am Kragen und schiebt ihn weg. „Du! Hier! Nicht!“ Wie oft hat man das selbst erlebt. Im Kleinen. Mit der Sicherheit in der Hinterhand, dass es noch genügend andere Türen gibt, die offen stehen. Hier und auf vielen anderen Plätzen der Welt ist „Du! Hier! Nicht!“ etwas Endgültiges. Ein Stück Fleisch, was Draußen bleibt. Ende.

Meine Co² Bilanz für dieses Jahr ist bereits wieder völlig desaströs. Es gibt inzwischen einen Co²Fond, (wie den Ablasshandel der katholischen Kirche bis Luther) in den man einzahlt und sich etwas frei kaufen kann. Eine Alternative?

Es ist beeindruckend. Hier. Es ist etwas Besonderes Hier Sein zu können. Ja. Wenn das Denken sich eine Auszeit nimmt, dann ist das auch romantisch. Für den Moment. Wenn der Verstand wieder da ist, kommen die Fragen. Ein Teil des Lebens.

Endlich angekommen und bereits wieder auf dem Weg zurück in die Heimat. Ja, ich liebe meine Heimat. Auch und gerade weil dort jetzt Winter ist und es schmuddelt und kalt und und und der Alltag wartet.

Die Arbeit war kurz, gut bis sehr gut, eine neue Erfahrung, von der ich geglaubt habe, dass ich sie wohl nie machen werde. Jetzt wird sie plakatierte Gewissheit.

In kaum 4 Wochen setzt etwas ein, von dem ich noch nicht weiß, was es mit sich bringt. Ich vertraue mal auf die Profis hier vor Ort. Eine Mixtur aus Modeln und Ich Selbst Sein.
Intensiv, kurzweilig, neu. Eine andere Welt als Film und TV und Theater und doch in seiner Konsequenz, das alles in komprimierter Form.

Rückflug heute. Von Kapstadt nach Johannesburg. Von Johannesburg nach London. Von London nach Berlin. Sonntag dann. Dann im Zug die vertraute Landschaft sehen. Ich freue mich drauf.
